• Martina De Rosi

Lebensentwürfe

Jede*r von uns lebt diese besondere Zeit auf ganz unterschiedliche Weise. Was davon wollen wir uns mitnehmen in die "neue" Zeit und was aus der "alten" Zeit möchten wir unbedingt zurückhaben?


Gedanken von Martina De Rosi und eine Einladung zum Mitmachen!

Einige von uns arbeiten mehr denn je zuvor, mit viel Verantwortung und viel Druck. Andere haben von einem Tag auf den anderen gar keine Arbeit mehr und müssen damit umgehen – manche gelassen, manche voller Existenzangst. Andere arbeiten von zu Hause aus, müssen aber auch Kinder, Schulaufgaben und Partner unter einen Hut bringen. Andere sind auf einmal wochenlang ganz allein.


Was macht diese Zeit mit uns? Ich habe mir heute eine Frage ausgesucht, die ich für mich erspüren will. Welche Qualitäten dieser letzten Wochen möchte ich in meine neue „Normalität“ mitnehmen?


Und ich habe für mich einige entdeckt. Ich gehöre zu den Menschen, die in dieser Zeit ihre „normale“ Arbeit nicht mehr machen konnten. Das Yoga Shiatsu Zentrum, in dem ich Yoga unterrichte und Shiatsu gebe, wurde gesperrt und noch ist nicht klar, wann wir dort wieder unterrichten und in direktem Kontakt mit Kunden sein dürfen. Zum Glück habe ich noch etwas Erspartes, das hat es mir im wahrsten Sinne des Wortes erspart in Existenzangst zu fallen und nicht zu wissen, wie ich meine Miete bezahlen soll, mein Essen einkaufen kann usw. Ich habe das Glück eine Wohnung mit direktem Zugang in einen wunderschönen Garten zu haben. Ich lebe alleine, muss also nicht, darf aber auch nicht, auf andere Familienmitglieder Rücksicht nehmen. Aber meine Vermieter haben mich in dieser Zeit fast adoptiert, wir teilen den Garten und manchmal den Mittagstisch. Und Lola, der Hund, besucht mich regelmäßig. Aus diesem Blickwinkel heraus, gehöre ich zu den privilegierten Menschen in dieser Zeit.


Ich darf die Zeit so einteilen, wie ich möchte, für mich erspüren, was ich in dieser Zeit mit mir selbst anstellen kann und will. Folgende wundersame Dinge habe ich für mich entdeckt, die ich gerne weiter auf meinem Weg mitnehmen möchte.


  • Ich liebe es, keine fixen Termine zu haben und meinen Rhythmus leben zu dürfen – ohne Wecker einfach aufwachen, wann ich aufwachen mag…. Meistens passiert das derzeit irgendwann zwischen 6.30 und 7.30 Uhr von ganz alleine.

  • Ich finde Routinen, die mir Halt geben, die mich aber nicht einengen: manchmal übe ich am Morgen Yoga, manchmal spring ich aber auch einfach nur im Garten im nassen Gras herum und umarme einen Baum, manchmal schalte ich Musik ein und tanze durch die Wohnung. Ich habe entdeckt, dass ich was Aktivierendes brauche, damit ich nicht meine morgendliche Trägheit mit in den ganzen Tag hineinnehme.

  • Ich genieße mein Frühstück in vollen Zügen. Es ist wie ein Fest, jeden Tag. Ich nehme mir Zeit, weil die habe ich ja jetzt. Und ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn ich es mir gut gehen lasse. Damit würde ich niemandem was Gutes tun.

  • Ich spüre hinein, was mein Anliegen für den Tag ist. Womit möchte ich mich beschäftigen, was inspiriert mich? Und dann lasse ich es einfach fließen. Vielleicht lande ich am Computer, weil ich einen Impuls habe, so wie jetzt gerade mit diesem Text. Vielleicht schreibe ich eine Mail an jemanden mit einer Idee, mit etwas, das ich nach draußen tragen will. Und treffe mich dann mit Menschen im Zoom oder auf Skype. Vielleicht rufe ich auch einfach jemanden an, von dem ich länger nichts gehört habe, oder ich setz mich hin und mal ein Bild. Manchmal kommt der Impuls aufzuräumen, aber der kommt (leider noch) nicht sehr oft.

  • Ich bin viel achtsamer mit meiner Energie als sonst. Ich spüre gut hinein, wie lange ich am Computer sitzen oder Nachrichten auf Facebook lesen oder schreiben kann, bevor meine Energie kippt. Wann brauche ich Bewegung, Luft, Sonne? Dann geh ich in den Garten oder spaziere eine Runde (bis vor Kurzem nur rund ums Haus, in der näheren Gegend), jetzt gerade haben wir das Glück, dass wir wieder soweit gehen dürfen, wie uns unsere Füße tragen.

  • Ich komme in die Tiefe, ich darf ganz anders spüren in dieser Zeit. Ich beschäftige mich viel mit meinen inneren Themen. Spüre, was mich blockiert, träge, rastlos oder traurig macht. Gebe dem Raum und Zeit. Teile mich Menschen mit, die mir zuhören können, weil sie jetzt auch mehr Zeit haben als sonst. Und komme dadurch in eine ganz neue kreative Kraft. Bestimmte Dinge dürfen sich zeigen, dürfen dann aber auch wieder weiterziehen, so dass ich in einem wunderbaren kreativen Fluss bin.

  • Ich arbeite an neuen Projekten mit Herzensmenschen. Gehe in Resonanz mit Ideen, die sie haben und teile meine, setze um, schreibe, philosophiere, mache Videos, poste, gebe Feedback. Alle diese Dinge, zu denen ich nicht so komme, wenn ich in meinem „normalen“ Leben unterwegs bin, weil da wandere ich (meist im wahrsten Sinne des Wortes, ich habe nämlich kein Auto) von einem Termin zum anderen, brauche viel Zeit um dorthin zu gelangen, wo ich hin soll, investiere einen großen Teil meiner Energie für Termine im Außen, zum Unterrichten (was ich liebe, aber es braucht Kraft und Energie dafür), treffe Freunde und Bekannte (was schön ist) und tue dies und das. Jetzt fühlt sich alles so viel gesammelter an und weniger zerstreut. Ich bin tief mit mir und der Welt verbunden.

  • Ich schlafe viel und regelmäßig. Es gibt keine Abendtermine, außer manchmal im Zoom, aber da bin ich ja schon zu Hause. Also habe ich relativ regelmäßige Bettzeiten, deshalb wache ich wahrscheinlich auch von ganz alleine recht regelmäßig auf.

  • Ich spüre meine Emotionen viel klarer. Die schmerzhaften, aber auch die freudigen. Und ich merke, wie die freudigen Seiten in mir Kraft bekommen. Vielleicht durch den Rhythmus, die Aufmerksamkeit, die Achtsamkeit, die gefühlte innere Freiheit (trotz der Beschränkungen im Außen). Vielleicht auch, weil ich mich ganz viel mit Themen beschäftige, die mir Freude machen, mich inspirieren, ich mich austausche mit Menschen, die ähnlich denken und mich anfeuern, bestärken. Und ich darf dasselbe für sie tun. Das fühlt sich so gut an.

  • Ich fühle mich aufgehoben, geborgen und gar nicht alleine. Das ist merkwürdig. Dieses Gefühl hat mir nämlich in meinem „normalen“ Leben so oft gefehlt. Ich spüre jetzt so klar die Nähe und das Wohlwollen der Menschen in meiner nächsten Umgebung, ich fühle mich in der Wohnung und im Garten pudelwohl, ich habe Kontakt zu meinen Herzensmenschen. Ich bin nicht alleine, oder vielleicht anders gesagt, ich habe viel Zeit für mich alleine, bin aber nicht einsam.

  • Ich habe viel klarere Vorstellung davon, wohin ich mich weiter entwickeln möchte, was ich tun möchte, wie ich wirken möchte, wie ich meinen Lebensunterhalt bestreiten möchte. Und ich arbeite daran. Jeden Tag. Ich bin begleitet von Menschen, die darin spezialisiert sind, das zu tun, was ich tun möchte und brauche. Ich darf jeden Tag lernen, forschen, entdecken und meine Freude teilen, wenn ich was Neues für mich erarbeitet habe.

  • Und manchmal darf ich auch einfach nur Sein. Sogar dafür ist jetzt viel Zeit. Ich darf im Garten unterm Baum sitzen, ich darf ein Mittagschläfchen machen oder in einem Buch stöbern. Neuerdings schaue ich mir sogar seichte romantische Komödien in YouTube an und liebe es. Und jetzt gerade, werde ich in die Dusche springen, werde reinigendes Wasser über meine Haut fließen lassen und dann werde ich hinaus gehen in die Sonne und zum Fluss und dem Wasser beim Fließen zusehen. Und dann schaue ich, wohin ich den Rest des Tages fließe. Was für ein Geschenk.

Die zweite Frage, die ich mir stellen möchte ist, was aus dem Leben vor Corona, möchte ich unbedingt wiederhaben?


Das ist eine wunderbare Frage und es sprudelt schon in mir.


  • Ich möchte mich wieder frei fühlen, mich überall dorthin zu bewegen auf diesem wunderbaren Planeten, wo es mich hinzieht. Mir ist bewusst, dass das ein Riesenprivileg ist. Es gibt viele Menschen, die dieses Freiheitsgefühl nie hatten, vor Corona nicht und vermutlich nach Corona nicht, weil sie nicht frei sind zu reisen, sich zu bewegen. Aber ich hatte diese Freiheit und ich weiß wie bereichernd es ist andere wundersame Ecken dieser Welt entdecken zu dürfen. Natur, Kultur, Menschen. Jede*r von uns ist Teil dieses Wunders und wir dürfen da sein. Mit Respekt. Und dafür möchte ich mich unbedingt weiter einsetzen. Mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Respekt für Natur und Mensch, mehr Behutsamkeit, aber Bewegungsfreiheit. Das Gefühl dazu zu gehören, ein Teil zu sein, regenerativ und nicht schädlich. Wir sind genau so ein Wunder wie jeder Baum, jeder Fluss, jedes Sandkorn am Strand, jeder Windhauch in unserem Haar. Wir dürfen das nur noch viel mehr spüren. Wir dürfen uns in die Erde und uns selbst noch viel mehr verlieben.

  • Ich möchte Körperkontakt zurückhaben. Ich möchte meinen Partner John bald wiedersehen, ihn an der Hand halten, mit ihm zusammen den Sand unter den Füßen spüren, ihn umarmen. Körperkontakt ist heilsam, stärkt das Immunsystem, lässt uns gesund wachsen. Umarmt eure Lieben, immer wieder, immer wieder.

  • Ich möchte meine Freunde und meine Familie wiedersehen. Ich möchte mit ihnen in der Sonne sitzen, philosophieren, Pläne schmieden, Geschichten erzählen, Visionen weben, entspannen und einfach genießen. Ich möchte Ausflüge mit ihnen machen – an den See, in die Berge, in den Wald, auf eine Sonnenwiese, an den Strand zum Meer.

  • Ich möchte Herzen berühren in physischen Räumen. Ich möchte in Kreisen sitzen und mich mit gleichgesinnten Menschen austauschen. Noch mehr und bewusster als vorher. Die Schwingungen spüren, unsere Körper spüren, die Schönheit sehen, mir ihre Geschichten anhören, mitschwingen. Ich möchte mit ihnen tanzen, fließen, springen, mich freuen. Ich möchte inspirieren und begleiten. Noch bewusster nach dieser Zeit, noch mehr davon überzeugt, dass wir durch unsere Gedanken, unsere Geschichten, unsere Ausrichtung so viel Wunderbares in der Welt erschaffen können. Jede*r für sich, aber vor allem gemeinsam.

  • Ich möchte zusammen mit anderen Menschen Visionen wahr werden lassen – von resilienten Wohngemeinschaften in meiner Stadt, von meinem Herzensort in Afrika und mich leiten lassen von all den bereichernden Geschenken, die durch Austausch mit Menschen entstehen können. Ich möchte unterstützen und unterstützt werden, zuhören und erzählen, ich möchte ermutigen und ermutigt werden. Vielleicht einfach auch während wir ganz alltägliche Dinge tun, im Garten arbeiten, unser Gemüse anbauen, das Haus schön machen, gutes Essen kochen, eine Tasse Tee trinken in einem gemütlichen Wohnzimmer oder auf der Gartenbank.

  • Ich möchte reich sein. Materiell reich genug, um mich sicher zu fühlen und wirksam sein zu können. Dabei ist es mir egal, ob das Mittel dazu Geld ist oder ob wir Menschen clever genug sind, neue Mittel zu finden, die stimmiger sind für die Zeit in die wir uns hinein entwickeln. Ich möchte mich wertvoll fühlen, meinen Beitrag leisten, Dinge bewegen und dafür Anerkennung bekommen. Ich möchte mich zeigen, dienen, geben und empfangen.


Und wie ist das bei dir? Wie sieht dein Lebensentwurf mit und nach Corona aus? Lasst uns Geschichten sammeln. Lasst uns träumen. Lasst uns Realität erschaffen, die unsere Herzen nährt.


Wenn du magst schick uns einen Kommentar hier auf dem Blog oder verfasse eine Mail mit deinen Impulsen, Feedback, Geschichten oder deinem ganz persönlichen Lebensentwurf an goodnews.martina@gmail.com



Wir sind total neugierig auf deinen Blickwinkel.

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